Memo
Helmut Brandt
Helmut Brandt: aus der Reihe "Gebärden" (2005)

 
Dieser Mensch scheitert. Er scheitert in der Begegnung mit einer Frau und in der Begegnung mit Menschen. Und er scheitert in seinem Wunsch zu schreiben.
"Er schließt die Augen und denkt über sie nach. Heute abend liege ich mit ihr in einem Bett, und ich weiß noch nicht einmal, in welchem. Während er sich auf die Finger beißt, fragt er sich, ob er sie begehrt, aber selbst das weiß er nicht, es ist alles bereits passiert, es muß sein.
Es gibt nicht einmal ein Wort dafür, was mit mir passiert, denkt er. Und alles, was vor sich geht, bedeutet nur eines: daß ich weniger werde. Der Mensch wird von mir abgeschliffen, die Antworten auf das Rätsel nutzen sich ab, nur das Rätsel bleibt, ein Rätsel und niemand, der es lösen könnte, also noch kein Rätsel. Schnell noch eine vage Meditation über das Schreiben, aber schon hat er wieder über seine eigenen Gedanken gelacht, die nichts bedeuten, nicht einmal für ihn, weil sie so unklar sind, und außerdem ist sie mit ihrer Hand unter sein Hemd gefahren und beginnt vorsichtig nach ihm zu tasten, das mußte seine pathetische Bilderreihe ja unterbrechen, er lauscht dem Geräusch, sinnliche Ameisen, vergräbt aber doch den Kopf in der lauen Kuhle seiner Arme, um das Licht nicht sehen zu müssen, und jagt weiter, ganz langsam, hinter seinen Gedanken her. Nicht einen von ihnen holt er ein, er kann nicht denken. Während er zwischen seinen Empfindungen, seiner Angst dahintreibt, versucht er seine Entfremdung zu entwirren, doch er segelt in ein atemloses Niemandsland: Ich existiere ja gar nicht."
Cees Nooteboom, Der Ritter ist gestorben, 70f.
© 2011 Manfred Köhler
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