Pathognostik ist eine Subversion der Psychoanalyse, keine Alternative zu ihr, sondern ihre radikalisierende Fortschreibung. Was herkömmlich als krankheitskonstitutive subjektive Zutat zu den Dingen angesehen wird, ist die Offenlegung des Produktionsgrundes der Dinge, die in ihnen eingeschlossene Gewalt, in die sich Krankheit ohnmächtig verstrickt.
"Nach pathognostischem Verständnis gibt es keine Krankheit ausmachenden subjektiven Zutaten zu den Dingen; alle solchen vermeintlichen Zutaten, die tunlichst wieder weggeschafft werden sollen, holen aus den Dingen selber bloß diejenige Dimension hervor, die ihnen wesentlich (im buchstäblichen Sinne: also letal) innewohnt, die üblicherweise aber vergessen wird, und wenn sie hervorkommt, zum randständigen Betriebsunfall verfälscht zu werden pflegt. Es ist dies die »ontologische« Dimension des Opfers (der Schuld, der Gewalt), auf deren objektive Ankunft als die Erfüllungsgestalt von Krieg und Apokalypse der Kranke nicht warten kann, die er vorwegzunehmen und in dieser Vorwegnahme zu beschwören sucht, wodurch er sich zum Opfer derselben macht, das deren Bann nicht bricht, sondern beglaubigt. Krankheit als der untere Weg der Selbstrettung, diese als Gewaltpartizipation unter dem Deckmantel, diese Gewalt außer Kraft zu setzen."
»Der Platz ist verflucht«. Zur Pathognostik von Taburäumen (Agoraphobie); in: Retro II, 141f.
Genealogica Bd. 36. Essen: Die Blaue Eule. 2006