Die Scham als ein Wissen verschließt sich in Schuld als ein Nichtwissen, in die die verhüllende Dingproduktion, die sich als Zivilisationsgeschichte austrägt.
"So etwas wie das volle Gewissen (Mitwissen, conscientia) wäre die Komplizität der Scham selber; das Mitwissen der Unmöglichkeit der Heterogeneität des absoluten Gottes, das Mitwissen dieser Misere als Menschheitsunheil. (...) Allemal aber muß dieses Scham-Mitwissen untergehen, um der alleinigen Herrschaft der Schuld willen, des üblichen moralischen Gewissens also als der Instanz des Nichtwissens schlechthin. Schuld - die Dienstbarkeitsmetamorphose pflichtschuldigst der eskamotierten Scham, Exklusivität der Hüllenadministration. Abendländisch aber muß es so scheinen, als sei dieser Wunderübergang, der Mirakelsprung in die Schuld (...) die evolutionäre - in sich freilich dilatorisch entropische - Negentropie schlechthin: Gattungsgeschichte, die sich demnach nur über solchen Verschluß, der ja christlich im Ganzen gar exkulpiert sein soll, ermächtigt. Um sogleich einem möglichen Mißverständnis vorzubeugen: die hier veranschlagte Sequenz Scham - Schuld meint keinerlei Reihenfolge; es ist vielmehr so, daß einzig im Totalisierungsvorausgang selbst schon entschuldeter Schuld dieser selbst, über Schuldaufkommen vermittelt, in Scham hinein flüchtig aufreißt."
Schamnotizen; in: Pathognostische Studien II, 83f.
Genealogica Bd. 17. Essen: Die Blaue Eule. 1987